Zur Stelle in schwieriger Zeit

Dorfhelferinnen: Seit 60 Jahren bei Notfällen auf dem Hof im Einsatz - Unser Interview

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Sehr oft sind es junge Frauen, die sich für den Beruf der Dorfhelferin und den Ausbildungsweg interessieren und auch bereit sind, verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen – auch im Altlandkreis. Im November 1957 – und damit genau vor 60 Jahren – waren die ersten Dorfhelferinnen zur Stelle, um Bauernfamilien in schwierigen Situationen zu unterstützen. Bis heute sind sie auf unseren bayerischen Bauernhöfen oft Retter in der Not. Sie springen ein, wenn die Bäuerin oder der Bauer krank werden, wenn Kinder versorgt oder wenn Angehörige gepflegt werden müssen.

Etwa 200 Dorfhelferinnen arbeiten aktuell in ganz Bayern, 130 werden von der „Katholischen Dorfhelferinnen & Betriebshelfer GmbH“ (KDBH) vermittelt. Dorfhelferin Hanni Hell, die seit über zehn Jahren Geschäftsführerin beim KDBH ist, erzählt von ihrer Arbeit.

Frau Hell, vor genau 60 Jahren hatten die ersten Dorfhelferinnen in Bayern ihren Einsatz. Wie war das damals?
Ich konnte vor kurzem mit einer der ersten Dorfhelferinnen sprechen. Sie kam direkt nach der Ausbildung nach Zorneding (im Landkreis Ebersberg, Anm. d. Red.) und konnte dann dort im Pfarrhof wohnen. Von da aus fuhr sie in den ersten Jahren mit dem Fahrrad, später dann mit einem Moped, dorthin, wo Not am Mann war.

Gab es feste Arbeitszeiten?
Es gab damals so gut wie keine Regelungen. Und so arbeiteten die Dorfhelferinnen eben solange, wie sie gebraucht wurden. Bei schlechtem Wetter oder wenn die Anfahrt lange war, übernachteten sie direkt bei den Familien. So wurden ihnen auch Arbeiten außerhalb von Hof und Familie aufgetragen, zum Beispiel in der Gemeinde oder rund um die Kirche. Sie waren der gute Geist im Dorf.

Was hat sich im Lauf der Jahre geändert?
Die Gründe für den Einsatz einer Dorfhelferin sind im Prinzip gleich geblieben. Sie ist vor allem dann gefragt, wenn eine Frau schwanger ist oder eine Familie gerade Nachwuchs bekommen hat. Aber sie springt auch bei Krankheit oder einem Todesfall ein. Anders als in der Anfangszeit werden heute auch Einsätze in der Jugendhilfe oder der häuslichen Pflege übernommen, wenn zum Beispiel pflegende Angehörige entlastet werden sollen.

Damit sind die Dorfhelferinnen echte Allrounder – und weil das Fahrrad heute vom Auto ersetzt wird, auch ungemein flexible Arbeitskräfte. Heutzutage muss eine Dorfhelferin pro Tag meist zwei oder sogar drei Einsätze übernehmen. Eine echte Herausforderung!

Wie werden die Dorfhelferinnen fit gemacht für diese Aufgaben?
Das Berufsbild hat sich verändert. Der Pflegebereich und die Kinderbetreuung haben an Bedeutung gewonnen. Damit steigen auch die Anforderungen. Die Ausbildung wird deshalb immer wieder angepasst. Auch die jährliche Fortbildung, die in enger Zusammenarbeit mit dem Haus der bayerischen Landwirtschaft Herrsching organisiert wird, ist Pflicht.

Wie ist es um den Nachwuchs bestellt?
Sehr oft sind es junge Frauen, die sich für den Beruf der Dorfhelferin und den Ausbildungsweg interessieren, weil sie gerne eigenständig arbeiten wollen. Sie haben Freude im Umgang mit Menschen und Tieren, arbeiten gerne im hauswirtschaftlichen und landwirtschaftlichen Bereich. Sie sind Menschen, die sich schnell in neuen Situationen zurechtfinden und auch bereit sind, verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen.

Wird es die Dorfhelferinnen auch die nächsten 60 Jahre geben?
Ja, ganz bestimmt. Es gibt zwar weniger landwirtschaftliche Betriebe, doch die Zahl der Familien, die auf dem Land und in den Dörfern leben, wird nicht kleiner. Und die Nachfrage nach Dorfhilfe kommt nicht nur aus der Landwirtschaft, sondern von allen Bewohnern, die auf dem Land Heimat gefunden haben.

Auf den Höfen wiederum, arbeiten die Eltern oder die eigenen Kinder seltener mit. Die Dorfhelferin ist in dieser Situation eine wichtige Partnerin. Sie stabilisiert die häusliche Gemeinschaft auch in Krisenzeiten. Der Alltag kann – so gut es eben geht – weiter laufen.

Auch die Menschen auf dem Land werden immer älter und brauchen Unterstützung. In Mehrgenerationen-Familien, wie es gerade auf dem Land oft der Fall ist, ist die Dorfhelferin die Stütze für alle, die auf besondere Hilfe und Unterstützung angewiesen sind. Dorfhilfe in diesem Sinne ist nicht nur ein Dienst am Nächsten, sondern an der ganzen Gesellschaft.

Die Geschichte der Dorfhilfe in Bayern

Nach dem Krieg bemerkte Landjugend- und Landvolkpfarrer Dr. Emmeran Scharl, dass sich auf vielen Bauernhöfen und in vielen Familien etwas verändert hatte. Wo bislang oft Kinder und Geschwister oder Mägde und Knechte in schwierigen Situationen für Unterstützung sorgten, klaffte eine Lücke.

Die Folge: Bei Geburten, Krankheiten oder Todesfällen war die kleiner gewordene Familie oftmals in einer Notlage. Im Herbst 1955 beschloss Scharl deshalb, sich für die Einführung des Berufs der Dorfhelferin in Bayern einzusetzen. Gebraucht wurden Menschen, die helfen können und in der jeweiligen Situation das rechte Wort zu sagen wussten.

Mitte 1957 fand der erste Lehrgang an der katholischen Fachschule für Dorfhelferinnen in Schlehdorf am Kochelsee statt. Seitdem wurden in 63 Lehrgängen 1.353 junge Frauen zu Dorfhelferinnen ausgebildet.

Alle Informationen zur Dorf- und Betriebshilfe in Bayern und die Einsatzleitungen findtz man unter www.kdbh.de. Dort gibt es auch Informationen zum Ausbildungsweg zur Dorfhelferin.

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