Gemeinwohl-Ökonomie ist die Zukunft

Haager Unternehmer erstellen Bericht - Senator der Wirtschaft Deutschlands zu Gast

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DSC01145Haag – Seit der neoliberalen Wende Deutschlands in den späten 1990-er Jahren herrscht über fundamentale Fragen der Wirtschaftspolitik faktisch nicht nur Konsens in den politischen und gesellschaftlichen Eliten dieses Landes, sondern geradezu Sprachlosigkeit. Es hat sich der Glaube durchgesetzt, die aktuelle Wirtschaftspolitik sei „alternativlos“. Angela Merkel hat sie sehr treffend als die „marktkonforme Demokratie“ beschrieben. Der „demokratiekonforme Markt“ gehört längst der Vergangenheit an. Dass es anders geht, zeigen fünf Firmen aus der Region Haag.

Bevor die Unternehmer ihre Einstiegsberichte vorstellten, leiteten Hans Urban, Bürgermeisterin Elisabeth Schätz und KAB-Diözesansekretär über auf Günter Grzega, dem Laudator des Abends. Grzega ist Mitinitiator von „Vermögende für eine Vermögensabgabe“ und sieht nicht ein, warum immer die arbeitende Bevölkerung für alles zur Kasse gebeten werden soll. „Die Eurorettungsversuche werden scheitern, ja Europa werde scheitern, wenn sich die Politiker nicht bald auf die gemeinsamen Grundwerte, die in allen Verfassungen verankert sind, rückbesinnen.“ Grzega zitierte beispielhaft aus der Bayerischen Verfassung: „Alle wirtschaftliche Tätigkeit muss dem Gemeinwohl dienen.“ Scheinbar verstünden die Ökonomen, die Politiker, wie die Zivilgesellschaft nicht mehr, wie unser derzeitiges Schuldgeldsystem funktioniere. „Die Guthaben der Reichen sind die Schulden der Armen. Die Konten sind am Ende des Tages ausgeglichen.“

Volkswirtschaft könne „eben nicht mit der durchaus klugen und weitsichtigen Handel der schwäbischen Hausfrau“ erklärt werden. Grzega, der auch Senator der Wirtschaft Deutschlands ist, ging auf die Entstehung der Eurokrise ein, die ihre Ursachen schon in der Einführung der Gemeinschaftswährung hat. Wie die KAB hält er die Beschneidung der gesetzlichen Rentenversicherung und die gleichzeitige Förderung von Riester-Sparverträgen einen „steuerfinanzierten Rentenbetrug.“

Für Grzega gibt es viele Gründe, das Projekt TTIP abzulehnen. Die Anti-TTIP-Bewegung bestehe aus Umweltschützern, Datenschützern, Landwirten, Gewerkschaftern, Kulturschaffende, und so weiter. Längst ist sei diese Bewegung über Einzelinteressen hinausgewachsen. Sie habe das hinter TTIP stehende neoliberale Deregulierungs-Projekt verstanden, siehe die Zusammenhänge zwischen Wirtschafts- und Außenwirtschaftspolitik. „Längst fordert sie mehr als nur den Stopp von TTIP, sondern einen gerechten Welthandel. Den kann es nur mit einer anderen Wirtschaftspolitik in Europa, in Deutschland geben.“

Erfreut ist Grzega über die Aussagen von Papst Franziskus, wie auch vom Engagemet der INNitiaitve gegen TTIP, die sich im Februar letzten Jahres nach einer Veranstaltung der KAB mit Professor Klaus Buchner (MdEP/ÖDP) gegründet hat. Immer mehr Mittelständler und kleinere Unternehmen schließen sich der Initiative „KMU gegen TTIP“ an.

„Doch wer kritisiere, muss auch Lösungen anbieten können“, findet Grzega. Darum ist er Botschafter der Gemeinwohl-Ökonomie. Das von Christian Felber (WU Wien) skizzierte enkeltaugliche Wirtschaftsmodell basiert auf Werten, für die sich auch die KAB stark macht. Mit einer Gemeinwohl-Bilanz wird ermittelt, welchen sozialen und ökologischen Wert ein Unternehmen für die gesamte Gesellschaft hat. Wie mit den Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden umgegangen wird und wie ökologisch sinnvoll die Produkte und die Produktionsweisen sind. Mittelfristig soll die Gemeinwohl-Ökonomie die „marktkonforme Demokratie“ ablösen.

Und die Bewegung erhält Rückenwind von ungewohnter Seite: Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss hat sich im Dezember mit 86 Prozent für das Modell der Gemeinwohl-Ökonomie ausgesprochen. Noch in diesem Jahr müssen die Staaten der EU eine Verordnung für eine „nichtfinanzielle Bilanz“ umsetzen.

Die Haager Firmen Fotostudio Flamm, Milchwerk Jäger, Gärtnerei Hederer, KLAK-Quadrat aus Gars und die Aschauer Brauerei haben im letzten Jahr in mehreren gemeinsamen Treffen einen Einstiegsbericht erstellt. „Es gehe nicht um irgendein Zertifikat, sondern um Bewusstseinsbildung“, fasste es Hermann Jäger zusammen. Die KAB und die Unternehmer freuen sich auf weitere gemeinsame Abende und laden zum Mitmachen ein. Nähere Informationen gibt es im KAB-Büro unter 08161/21329 oder r.forster@kab-dvm.de.

 

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Ein Gedanke zu „Gemeinwohl-Ökonomie ist die Zukunft

  1. Die aktuelle Politik macht auf sehr vielfältige Weise krank; in dem es über prekäre Arbeit auf der einen und Dividenden aus dieser liberalisierten Arbeitswelt auch die Unterschiede zwischen Arm und Reich immer weiter vergrößert.

    Aufgrund der Erkenntnis „Arbeiten rentiert sich nicht mehr“ erhielt das Spekulieren und damit die Blasenbildung von Finanzprodukten irreale Ausmaße – Wagenknecht hat in ihren Büchern über Finanzcrash und Weltwirtschaft seit vielen Jahren darauf hingewiesen.

    Dass der international zunehmende Unterschied zwischen Arm und Reich, zwischen Export- und Importüberschüssen auch von Rüstung auch die Fließgeschwindigkeit von Arm nach Reich bewirkt, oder in der die erste Welt gegenüber Asien und dem afrikanischen Kontinent Landgrabbing betreibt, Handelsabkommen zu deren Nachteil beschließt, … und dass damit wiederum die einfachen Parolen der Rechten einen Vorteil ziehen, … wir brauchen uns nicht mehr zu wundern.

    Oder wir beginnen an irgendeiner Stelle die Welt zu verändern.

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