Nazi-Opfer: Vorerst kein neues Denkmal

Diskussion im Wasserburger Stadtrat zu Gabersee und Attel im Dritten Reich

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gabersee„Es ist wohl das traurigste Kapitel in einer der dunkelsten Phasen der Geschichte der Stadt.“ Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl leitete bei der jüngsten Sitzung des Stadtrates mit Bedacht auf ein Thema über, zu dem es anschließend eine außergewöhnlich lange Diskussion gab. 75 Jahre ist es her, dass rund 1000 Menschen mit Behinderung aus Attel und Gabersee im Zuge des Nazi-Euthanasie-Programms deportiert wurden. Ein Großteil von ihnen wurde ermordet. Die Grünen im Stadtrat hatten beantragt, den Opfern jetzt mit einem neuen Mahnmal zu gedenken. Das wird wohl auch kommen – uneins waren sich die Stadträte über den Zeitpunkt.

„Wir hätten gerne auf unseren Antrag verzichtet, wenn die Verwaltung von sich aus tätig geworden wäre“, so Alexander Hartung von den Grünen. Immerhin habe man auf den 75. Jahrtag „des größten Verbrechens, das es in der Stadt je gegeben hat“ bereits bei anderer Gelegenheit hingewiesen. „Wir möchten, dass die ermordeten Wasserburger ein Mahnmal mit ihren Namen bekommen. Und wir würden der Opfer gerne noch heuer, nämlich am 7. November, dem Tag, als die Deportationen starteten, gedenken.“

Der Antrag der Grünen zum Mahnmal traf bei allen Fraktionen auf Zustimmung. Allgemein war man der Auffassung, man müsse sich an die Deportationen und Ermordungen der Patienten von Gabersee und Attel im Jahre 1940 und den folgenden Jahren auch weiterhin erinnern.

Allerdings ließ Bürgermeister Michael Kölbl den Vorwurf der Grünen, die Stadt habe sich um den Jahrtag nicht und um die Opfer des Nationalsozialismus zu wenig gekümmert, nicht so im Raum stehen: „Es gab einen Erörterungstermin mit Fachleuten zu diesem Thema. Außerdem gibt es Gedenktafeln in Attel und Gabersee.“ Zudem werde er nicht müde, an den Gedenkfeiern beim Volkstrauertag alle Jahre auf die Opfer des Krieges und dieser dunklen Zeit hinzuweisen.

Rückendeckung bekam Kölbl von Stadtarchivar Matthias Haupt, der den wissenschaftlichen Sachstand zur Forschung über das Euthanasie-Programm der Nazis in Attel und Gabersee präsentierte und drauf hinwies, dass das Bezirksarchiv gerade daran arbeite. „Das wird allerdings noch zwei Jahre dauern“, so Haupt. Aber erst dann habe man umfassende Fakten auf dem Tisch.

Ebenso Rückendeckung gab’s für Kölbl von Josef Baumann (Freie Wähler) und Lorenz Huber (Bürgerforum), die beide den Volkstrauertag als den richtigen Gedenktag ansehen. Huber: „Es sollte für Stadträte Pflicht sein, an den Gedenkfeiern zum Volkstrauertag beispielsweise in Attel teilzunehmen.“ Und Baumann etwas schärfer: „Es ist schon seltsam, dass jetzt noch ein Gedenktag gefordert wird, wo doch schon am Volkstrauertag kaum jemand teilnimmt. Vor allem nicht die Antragsteller.“

Es folgte eine ausgiebige, ruhige Debatte, an der sich fast alle Stadträte mit einem Redebeitrag beteiligten. Alle waren sich einig, dass der Antrag der Grünen sinnvoll sei, die Umsetzung aber nicht übereilt vonstatten gehen sollte.

Man einigte sich mit großer Mehrheit darauf, den Opfern der Nazi-Willkür in Attel und Gabersee in der Stadt Wasserburg ein Mahnmal zu errichten. Über die Gestaltung und den Aufstellungsort soll später entschieden werden. Zunächst will man die Forschungen des Bezirksarchivars abwarten. „Es ist aber absolut im Interesse der Stadt, diesen Menschen ein Denkmal zu setzen“, so Kölbl abschließend. HC

Foto oben: Das Klinik-Museum in Gabersee berichtet auch über die dunkle Zeit während des Dritten Reiches (hier eine Schautafel).

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